Wenn Unternehmen zugleich von KI-Wachstum profitieren und tausende Stellen abbauen
Die Nachrichtenlage Ende Februar 2026 ist widersprüchlich und genau deshalb spannend: Einerseits melden Unternehmen wie Dell Rekordergebnisse, vor allem getrieben durch KI-Infrastruktur. Andererseits kündigen Tech- und Fintech-Unternehmen wie Block massive Stellenstreichungen an und begründen dies mit Produktivitätsgewinnen durch KI und neue Tools. Die Aktienkurse vieler dieser Firmen steigen – getrieben von Kostensenkungen, verbesserten Gewinnaussichten und der Hoffnung, dass KI-gestützte Geschäftsmodelle künftig leichter skaliert werden können.
Wir möchten in diesem Beitrag zusammentragen, wie wir diese Gemengelage aus Wachstum, Rationalisierung und KI-Narrativ bewerten – sowohl für einzelne Titel als auch für unsere Gesamtallokation in Tech und Fintech.
1. Drei gleichzeitige Bewegungen
Wir sehen im Tech- und Fintech-Sektor derzeit drei Entwicklungen, die parallel laufen:
1. Starkes Wachstum in KI-nahen Bereichen – Rechenzentren, Infrastruktur, Chips, Cloud-Dienste.
2. Kostensenkungsprogramme und Restrukturierungen – Entlassungswellen, Standortschließungen, Fokussierung auf Kernprodukte.
3. Bewertungsverschiebungen – eine Neubewertung von Unternehmen, die glaubhaft zeigen, dass sie vom KI-Boom profitieren oder ihre Profitabilität beschleunigen können.
Diese Bewegungen führen dazu, dass sich Kurse mitunter heftig bewegen:
- Nach oben, wenn starke Zahlen und Kostendisziplin positiv überraschen.
- Nach unten, wenn sich herausstellt, dass Wachstum teurer oder langsamer ist als gedacht.
Wir versuchen, nicht jedem Ausschlag hinterherzulaufen, sondern zu verstehen, wie die langfristige Ertragskraft der Unternehmen hinter diesen Bewegungen aussieht.
2. Wachstum um jeden Preis – dieses Kapitel ist (teilweise) vorbei
In den Jahren des extrem billigen Geldes waren viele Tech- und Fintech-Modelle darauf ausgerichtet, möglichst schnell zu wachsen, oft mit dem Versprechen, Profitabilität später nachzureichen. Ende Februar 2026 sehen wir verstärkt:
- eine Rückkehr zu Profitabilität und Cashflow-Fokus,
- Analysten, die Margen und Kapitalrenditen stärker gewichten,
- Unternehmen, die Wachstumspfad und Kostengerüst neu ausbalancieren.
KI spielt in diesem Umfeld eine Doppelrolle:
- als Treiber neuer Umsätze (z. B. KI-Produkte, Plattformen, Services),
- als Werkzeug zur Kostensenkung (Automatisierung, Rationalisierung, weniger Personal).
Wir prüfen, ob Unternehmen in der Lage sind, beide Seiten sinnvoll zu nutzen – und ob das Geschäftsmodell auch in einer nüchterneren Phase trägt, in der Investoren weniger bereit sind, lange Durststrecken ohne Gewinne zu tolerieren.
3. Bewertungsansatz: Cashflows, nicht nur Stories
Für unseren Bewertungsrahmen bleibt zentral:
- Wir denken in Cashflows und Renditen, nicht nur in Geschichten.
- Wir wollen verstehen, wie ein Unternehmen über den Zyklus hinweg Geld verdient – nicht nur in einem einzigen Boomjahr.
Das bedeutet konkret:
- Wir schätzen ab, wie sich Umsätze, Margen und Investitionen über mehrere Jahre entwickeln können – in konservativen, neutralen und optimistischen Szenarien.
- Wir betrachten nicht nur das Topline-Wachstum, sondern auch, wie viel davon tatsächlich im Cashflow ankommt.
- Wir fragen uns, welchen Kapitalrückfluss an uns als Eigentümer wir realistischerweise erwarten können – über Dividenden, Rückkäufe oder Schuldenabbau.
Gerade in Phasen, in denen KI alles überstrahlt, hilft uns dieser Ansatz, zwischen Substanz und Hype zu unterscheiden.
4. KI-Rationalisierung: Effizienz ja, aber nicht um jeden Preis
Wenn Unternehmen wie Block ankündigen, einen beträchtlichen Teil der Belegschaft abzubauen und die entstehende Lücke mit KI-Werkzeugen und neuen Prozessen zu schließen, ergeben sich für uns zwei Perspektiven:
- Chancenperspektive: Höhere Effizienz, bessere Margen, mehr Skalierbarkeit.
- Risikoperspektive: Verlust von Know-how, Kulturbrüche, mögliche Qualitäts- und Regulierungsprobleme.
Wir bewerten solche Programme unter anderem danach,
- ob sie reaktiv wirken (Druck von Investoren, verfehlte Ziele) oder
- ob sie proaktiv und strategisch eingebettet sind (klare Vision, wohin das Unternehmen will).
Je stärker wir das Gefühl haben, dass KI als Deckmantel für klassische Kostensenkungen dient, desto vorsichtiger werden wir. Sehen wir hingegen eine konsistente, über Jahre aufgebaute Strategie, die nun konsequent umgesetzt wird, sind wir eher bereit, das positiv zu werten.
5. Tech vs. Fintech – unterschiedliche Risikoquellen
Obwohl beide Sektoren in vielen Artikeln unter „Tech“ zusammengefasst werden, unterscheiden wir klar zwischen:
- Tech-Unternehmen mit Fokus auf Infrastruktur, Plattformen, Software und Hardware,
- Fintech-Unternehmen, die im Finanzsektor operieren, etwa bei Zahlungen, Krediten oder Banking-Diensten.
Risikofaktoren unterscheiden sich:
- Tech-Firmen tragen primär Technologie-, Wettbewerbs- und Zyklusrisko.
- Fintechs tragen zusätzlich Regulierungs-, Kredit- und Compliance-Risiko.
Wenn Fintechs nun gleichzeitig:
- KI nutzen, um Kreditentscheidungen, Betrugserkennung oder Kundensupport zu automatisieren,
- und große Restrukturierungen durchführen,
prüfen wir sehr genau, ob das Risikomanagement Schritt hält. Wir wollen nicht in Unternehmen investieren, die zwar kurzfristig Kosten sparen, aber langfristig durch mangelnde Kontrollen oder Fehleinschätzungen in Schieflagen geraten.
6. Portfolioebene: Wie viel Tech- und Fintech-Risiko tragen wir wirklich?
Starke Bewegungen in einzelnen Tech- und Fintech-Titeln können dazu führen, dass unser Gesamtportfolio unbewusst überkonzentriert wird:
- Indizes sind teils stark in wenigen Tech-Giganten gewichtet.
- Themen-ETFs bündeln oft ähnliche Namen.
- Einzelaktienpositionen kommen oben drauf.
Deshalb prüfen wir regelmäßig:
- Welchen Anteil unseres Portfolios bilden Technologie- und Fintechwerte zusammen?
- Wie stark hängt unsere Performance von einigen wenigen Titeln ab?
- Wie sähe unser Portfolio aus, wenn es zu einem breiteren Bewertungsrückgang bei Tech käme?
Auf Basis dieser Analyse entscheiden wir, ob wir:
- Gewinne bei sehr stark gelaufenen Titeln realisieren,
- in robustere, defensivere Segmente umschichten,
- oder bewusst an einer überdurchschnittlichen Tech-Gewichtung festhalten wollen – mit vollem Bewusstsein für das damit verbundene Risiko.
7. Was wir konkret aus Ende Februar 2026 mitnehmen
Die Kombination aus Block-Entlassungen, Dell-Rekordergebnissen und KI-Euphorie liefert uns mehrere Lehren:
- KI ist kein isoliertes Phänomen, sondern durchzieht Hardware, Software, Fintech und klassische Industrie gleichermaßen.
- Kostendisziplin wird wieder wichtiger – Unternehmen, die nur mit Wachstum, aber ohne klaren Pfad zur Profitabilität punkten wollen, haben es schwerer.
- Bewertungen spiegeln zunehmend die Bereitschaft wider, profitable, cashflow-starke Tech-Modelle zu bevorzugen.
Für uns bedeutet das:
- Wir stärken in unserem Tech-Exposure den Anteil von Unternehmen, die bereits heute robuste Cashflows und vernünftige Margen haben.
- Wir bleiben offen für Wachstumstitel, verlangen dort aber eine klar erkennbare Route zur Profitabilität.
- Wir achten stärker darauf, wie Unternehmen KI konkret einsetzen – nicht nur in Präsentationen, sondern im operativen Geschäft.
8. Langfristige Perspektive: Technologiezyklen und unsere Prinzipien
Rückblickend auf frühere Technologiezyklen – vom Dotcom-Boom bis zur Smartphone-Ära – sehen wir immer wieder:
- Neue Technologien schaffen echte wirtschaftliche Werte, aber nicht jede Firma, die darüber spricht, profitiert gleichermaßen.
- Übertreibungsphasen sind normal; sie werden oft von Ernüchterung und Konsolidierung abgelöst.
- Langfristige Gewinner zeichnen sich durch robuste Geschäftsmodelle, verantwortungsvolle Kapitalallokation und einen klaren Fokus auf Kundennutzen aus.
Unsere Prinzipien ändern sich deshalb nicht:
- Wir fokussieren uns auf Bewertung, Qualität, Bilanzstärke und Managementkultur.
- Wir diversifizieren über Sektoren, Regionen und Faktoren hinweg.
- Wir akzeptieren Volatilität, möchten aber keine Risiken eingehen, die wir nicht verstehen.
9. Fazit – Klarer Rahmen in einer widersprüchlichen Phase
Ende Februar 2026 erleben wir eine Tech- und Fintech-Landschaft, in der:
- KI echten Rückenwind für Umsätze und Effizienz liefert,
- harte Einschnitte bei Personal und Strukturen vorgenommen werden,
- und Bewertungen teils wieder hoch, teils überraschend moderat sind.
Wir halten fest:
- Wir sehen in Tech und Fintech weiterhin zentrale Bausteine eines langfristigen Portfolios, wollen diese aber bewusst dosieren.
- Wir gewichten Profitabilität, Cashflow und transparente KI-Strategien höher als reine Wachstumsversprechen.
- Wir bleiben bei unserem Rahmen und lassen uns nicht von jeder neuen Schlagzeile aus der Bahn werfen.
So können wir die Chancen der aktuellen Phase nutzen, ohne uns in den Extremen aus Euphorie und Pessimismus zu verlieren.