In der ersten Jahreshälfte 2025 haben europäische Aktienindizes die US-Märkte bei der Performance übertroffen. Internationale Anleger verlagern Milliarden von US-Titeln nach Europa. Hinter dem Trend stehen Zolldrohungen, Bewertungsunterschiede und die Suche nach Alternativen. In diesem Beitrag ordnen wir die Entwicklung ein, erklären die Treiber und geben Hinweise für Anleger.
Warum Europa plötzlich vorne liegt
Die US-Börsen litten unter der Unsicherheit um Handels- und Zinspolitik. Die Ankündigung und Umsetzung neuer Zölle auf EU-Waren belastete die Stimmung – nicht nur in Europa, sondern auch in den USA, weil Anleger einen Handelskrieg und Konjunktureinbußen fürchten. Gleichzeitig galten europäische Werte lange als unterbewertet im Vergleich zu US-Tech und den sogenannten Magnificent Seven. Das KGV (Kurs-Gewinn-Verhältnis) vieler europäischer Indizes lag unter dem des S&P 500 – bei oft stabilen Gewinnen und soliden Bilanzen.
Mit der Zolleskalation und der Diskussion um weitere Fed-Schritte wuchs die Attraktivität Europas: Ein Teil des Kapitals suchte Alternativen zu den teuren US-Titeln und den handelspolitischen Risiken. Der DAX und der EuroStoxx profitierten zudem von Themen wie Verteidigung, Infrastruktur und Banken, die in den USA weniger im Fokus standen. Die Bundesregierung hatte milliardenschwere Programme angekündigt – die Erwartungen an Aufträge und Gewinne beflügelten europäische Titel.
Kapitalflüsse und Stimmung
Berichte über große Umschichtungen von US- in europäische Fonds und Mandate bestätigen den Trend. Internationale Anleger verlagern Kapital aus den USA nach Europa – nicht weil Europa plötzlich „besser“ ist, sondern weil Risiko und Bewertung für einen begrenzten Zeitraum attraktiver erscheinen. Eine solche Rotation kann Monate oder Quartale andauern, bevor sich das Verhältnis wieder verschiebt.
Das bedeutet nicht, dass die USA dauerhaft schlechter dastehen. Die US-Wirtschaft bleibt robust, viele der weltweit führenden Unternehmen sind in den USA gelistet. Langfristig haben US-Aktien in der Vergangenheit oft besser abgeschnitten als europäische – aber mit höherer Volatilität und teureren Bewertungen. Phasen der Unterperformance sind normal und können Einstiegschancen bieten – für Anleger, die nicht nur einer Region folgen.
Was Anleger daraus mitnehmen können
Regionale Über- oder Unterperformance wechselt. Mal liegen die USA vorn, mal Europa, mal Asien. Wer global streut – z. B. mit einem oder FTSE All-World ETF – ist nicht auf eine Region angewiesen und fängt beide Seiten ein: Stärke in Europa und langfristiges Potenzial in den USA. So profitiert man von regionalen Aufschwüngen, ohne das gesamte Portfolio umzuschichten.
Eine Übergewichtung nur wegen kurzfristiger Outperformance birgt das Risiko, genau dann umzuschichten, wenn der Trend schon weit fortgeschritten ist. Wenn alle nach Europa rotieren, können die Bewertungen dort teurer werden und die USA günstiger – und der nächste Zyklus dreht sich wieder. Besser: Feste Gewichtung (z. B. 70 Prozent Welt, 30 Prozent Europa oder umgekehrt nach Risikoneigung) oder eine reine Weltgewichtung beibehalten und nicht jeder Rotation hinterherlaufen.
Historische Einordnung
Europa hat die USA in der Performance schon mehrfach übertroffen – in bestimmten Jahren oder Phasen. Langfristig (Jahrzehnte) haben US-Aktien oft besser abgeschnitten, unter anderem wegen der Dominanz von Technologie und der Stärke des US-Kapitalmarkts. Das muss in der Zukunft nicht so bleiben – Schwellenländer und Europa könnten aufholen. Für Anleger ist die Botschaft: Keine Region dauerhaft über- oder untergewichten nur wegen kurzfristiger Outperformance. Streuung reduziert das Risiko und nutzt Chancen in allen Regionen.
Praktische Tipps
- Globaler ETF als Basis: Ein oder FTSE All-World bildet sowohl USA als auch Europa und andere Industrieländer ab. So ist man automatisch in beiden Regionen investiert und muss nicht rotieren.
- Keine Panik bei US-Unterperformance: Wenn die USA kurzfristig hinter Europa zurückbleiben, ist das kein Grund, US-Titel zu verkaufen. Langfristig zählen Gewinnentwicklung und Bewertung – nicht die Performance eines Halbjahres.
- Rebalancing optional: Wer feste Gewichtungen (z. B. 50 Prozent USA, 50 Prozent Europa) hält, kann einmal jährlich prüfen, ob die Gewichtung durch Kursentwicklung stark abgewichen ist – und dann nachkaufen oder umschichten. Das zwingt einen, in schwächere Regionen nachzukaufen und in stärkere zu reduzieren – eine disziplinierte Strategie gegen emotionale Fehler.
Fazit
Europas Börsen haben in der ersten Jahreshälfte 2025 die USA bei der Performance übertroffen. Zolldrohungen, Bewertungsunterschiede und Themen wie Verteidigung und Infrastruktur haben den Trend getrieben. Wir streuen global und schichten nicht nur wegen kurzfristiger Outperformance um. Langfristig zählen Qualität, Streuung und Geduld – nicht die Performance eines Halbjahres.